Das Paket

Story from a book “We Shall See” 2018.
Translated by Bettin Bergmann.
 

Ich wache auf von etwas wie dem Geräusch scharfer Sägeblätter und öffne ein Auge. Das ist unsere ungeölte Tür. Im Türspalt erscheint Mamas zerzauster Dutt. Widerwillig schiebt sich der Gedanke in meinen Geist: Es ist doch Samstag! Instinktiv mache ich die Augen fest zu. Nach einem Moment quietschen die Türangeln wieder. Fuck, sie macht das mit Absicht.
Ich atme tief und regelmäßig, aber spüre die Berührung einer Hand auf meiner Schulter – so weckt mich Mama für die Schule. Ich öffne ein Auge. Durch meine Wimpern sehe ich – sie hat sich ein Kleid angezogen und ihre Augen mit einem Kajal nachgezogen. Ich halte die Luft an. Was habe ich vergessen? Wo müssen wir so früh hin?
„Ah, du bist ja schon aufgewacht!“
Ich kenne diesen gekünstelten Ton. Mit Mühe öffne ich beide Augen und mein Blick gleitet über den Ausdruck auf ihrem Gesicht – nicht nur ihre Lippen lächeln, sondern auch ihre Augen. Erleichtert atme ich auf und sinke zurück in einen zufriedenen Schlummer.
„Schau mal, was für ein sonniger Tag! Da dachte ich, du bist auf.“
Mit energischen Schritten nähert sie sich dem Fenster. Ich öffne den Mund, um etwas einzuwenden, schaffe es aber nicht – die dicken Vorhänge werden mit einem lauten Knarzen aufgezogen und helles Sonnenlicht blendet mich. Ich vergrabe mein Gesicht im Kissen, das noch die trügerische Wärme der Nacht in sich trägt. Sie weiß doch, dass die Unterrichtsplackerei erst in zwei Tagen anfangen wird. Also warum?
Etwas flattert in meinem Gesicht herum. Das ist jetzt wirklich zu viel! Ich setze mich auf, reibe mir die blinden Augen und bemerke, wie sehr die perfekte Ordnung des Zimmers nicht mit meinem zerknautschten Pyjama zusammenpasst. Oder mit dem Staub, der von der Fensterbank in einem Lichtstrahl herunterfällt. Sie drückt mir einen Fetzen Papier in die Hand, es ist eine Benachrichtigung von der Post. Eine Sendung aus Griechenland ist angekommen. Ich kapiere es nicht. Wir erwarten Geld aus dieser Richtung. Aber warum jetzt ein Päckchen?
„Haben sie das Geld in einem Karton verpackt geschickt?“, frage ich aufgeregt.
Meine Mutter lächelt geheimnisvoll und antwortet, dass das Geld gestern schon auf dem Konto eingegangen ist. In meiner Magengrube kribbelt es angenehm. Ich springe aus dem Bett.
„Warte, wir wollten doch ans Meer gehen, aber jetzt müssten wir zur Post rennen?“
Während ich mich in meine Shorts zwänge, betrachte ich neugierig ihr Gesicht.
„Mach dir keine Sorgen, wir werden alles schaffen“, sagt sie entschlossen.
Ich frage, ob sie vielleicht auf irgendetwas wartet und nur vergessen hat, mir das zu erzählen. Mama schüttelt den Kopf und fragt verschwörerisch, ob ich wirklich keine Ahnung habe, was in diesem Paket sein könnte. Ich schlage vor zu überprüfen, ob es nicht vielleicht ein Fehler des Postboten sein könnte, aber sie hat schon nachgeschaut – der Name und die Adresse stimmen. Ich bin bereit, sofort loszugeben, aber der Geruch von Kakao aus der Küche fängt mich wieder ein.
„Willst du wirklich noch frühstücken?“, neckt sie mich.

Als wir am Tisch sitzen, gleitet ihr Blick in die Ferne über die Dächer des Plattenbaus gegenüber, dann lacht und kichert sie darüber, wie ich, als ich noch klein war, am Fenster hockte und die Busse zählte, und darauf wartete, dass sie von der Arbeit nach Hause kam. Ich umklammere meine Gabel fester. Gleich wird eine nervige Flut von Erinnerungen losbrechen; wie sie beinahe graue Haare bekommen hätte, als ich mich im Wald verlaufen hatte – ich wollte Rotkäppchen besuchen -, oder wie ich in Angesicht von Großmutters Karotten ein räudige Kröte geküsst hatte. Aber sie spricht weiter über das Geld – hübsch ist es nicht gelaufen, aber, schau, die Leute schämen sich, sie möchten sich mit etwas Besonderem entschuldigen. Mir wird bewusst, dass es das erste Mal ist, das wir über dieses Ereignis sprechen, und ich stimmte zu, dass die Sendung etwas sehr Berührendes sein muss.
„Es ist nicht wichtig, war darin ist.“ Mama streicht sich eine gefärbte Haarsträhne aus der Stirn. „Das Wichtigste ist doch zu wissen, dass sie uns überraschen wollten, oder nicht?“
Ich nicke und frage sie mit vollem Mund, wie wir das Bündel tragen werden, wenn es nun so eine grausig große Kiste wäre, vielleicht sollten wir den Nachbarn einladen? Er hat doch noch nie gezögert, ihren Computer zu reparieren oder die quietschenden Türangeln zu ölen.
Mama spitzt die Lippen und erhebt die Stimme ein wenig: „Und was ist, wenn er vorschlägt, dass wir uns allein mit einem gemütlichen Glas Wein die Zeit vertreiben sollen? Es ist mir peinlich, abzulehnen.“ Nervös zündet sie sich eine Zigarette an. „Und diese Socken!“ Mit einem Pfeifen stößt sie den Rauch aus. „Besser für immer allein als abgestandene Männersocken.“
Sie sagt das in so einem Tonfall, dass ich nicht wage zu fragen, ob die Füße meines verstorbenen Vaters besonders gerochen haben.

Später nimmt sie vor dem Spiegel ihr Haar zu einem Knoten zusammen und schlägt vor, ins Café am Meer zu gehen. Energisch räume ich den Tisch ab, biete an, das Geschirr abzuwaschen und Staub zu wischen, dann beiße ich mir auf die Lippe – was, wenn die Böden auch gewischt werden müssen? Mama lacht laut und schubst mich zur Tür. Ich umarme sie und drücke sie so sehr, dass wir beide ins Wanken geraten. Das hat er auch einmal mit mir gemacht, der griechische Junge. Derselbe von dem – nein von beiden, von unseren Sommergästen – wir das Geld erwarten und jetzt also auch dieses faszinierende Geschenk.

Mama freute sich über den Besuch ihrer griechischen Freundin, und auch ich wollte die Frau aus diesem fabelhaften mythischen Land kennenlernen, mit dessen Lektüre ich aufgewachsen war. Wir waren beiden überrascht, als sie mit ihrem Sohn auftauchte – Daphnis.

Wir kommen mit einem Kasten aus der Post, der wirklich so groß und schwer ist, wie ich es mir vorgestellt hatte. Zusammen schleppen wir ihn: Mama mit energischem Schritt vorn, ich stolpere auf der Rückseite hinterher. Sie bleibt plötzlich stehen und das Sperrholz bohrt sich schmerzhaft in meinen Bauch.
„Ich hab’s dir gesagt, Mama!“, nörgele ich und lecke mir mit der Zunge den Schweiß von der Oberlippe.
Wir stellen den Kasten vorsichtig auf den Bordstein, und sie raunt in der Stimme eines kleinen Kindes, dass sie doch mal die Schuhe ihrer griechischen Freundin bewundert hat. Vorsichtig beschnuppere ich die Kiste, mir scheint, dass ich Schokolade riechen kann, vielleicht Nüsse und noch irgendetwas Warmes – nicht sofort beschreibbar. Vielleicht riecht es wirklich nach Schuhen.
„Aber was, wenn es ein gewebter Teppich ist? In Griechenland gibt es so schöne Farben. Vielleicht genähter Schmuck oder Tuniken mit stilisierten Unendlichkeitssymbolen für uns beide? Ich hoffe nur, es sind nicht ihre glitschigen Süßigkeiten – diese Lukumi. Wo legen wir so viel hin?“
Während Mama weiter rät, frage ich mich, ob die Sendung vielleicht auch irgendeine Nachricht von Daphnis enthält. Er ist zwei Jahre älter als ich. Er ist sechzehn, hat scharfe Wangenknochen, lange Wimpern und schlanke Finger wie ein Pianist. Ich hatte mir ausgemalt, wir wären wie Daphnis und Chloe aus dem altgriechischen Roman. Heimlich beobachtete ich ihn bei den Gelegenheiten, wenn wir am Meer entlanggingen und absichtlich hinter unseren Müttern zurückblieben. Wir unterhielten uns fast nicht. Das war besser so, denn sonst hätte ich nur Unsinn gefaselt, ich war nicht in der Lage, meinen Blick von den Halswirbeln des braungebrannten Nackens vor mir abzuwenden. Eines Morgens, während ich den Staub von der selbstgemachten Kokosnuss-Sparbüchse – meinem ganzen Stolz – pustete, bemerkte ich, dass sie ganz leicht geworden war. Ich überprüfte es mehrmals. Jeden Monat steckte ich das Taschengeld, das ich bekam, durch den schmalen Schlitz hinein, um – mit den Worten meiner Mutter – für einen nicht so hellen Tag zu sparen.
„Hast du Geld genommen?“, fragte ich sie, obwohl ich wusste, dass Mama das nicht tun würde. Manchmal, wenn es nicht bis zu ihrem nächsten Gehalt reicht, zupfe ich mit der Pinzette ein paar Banknoten heraus und gebe sie ihr selbst. In diesen Momenten sieht meine Mutter sehr berührt aus, aber ich spüre, dass es ein „nicht so heller Tag“ ist.
„Das bedeutet, es war jemand anders!“ Mamas Blick wurde zornig. „Jemand von außerhalb.“
Ich wende ein, dass dieser Gedanke blöd wäre, denn wir wohnen im neunten Stockwerk und niemand Fremdes war in unsere Wohnung hereingekommen.
Daphnis erinnerte sich plötzlich. Ich prustete los, wie lustig das klang. Aber dann erzählte er uns, zur Seite schauend auf die zerknitterten Tapeten im Korridor, dass er das schönste Mädchen der Welt kennengelernt, sie ins Café eingeladen und dringend Geld gebraucht habe. Seine schockierte Mutter entschuldigte sich und versprach, dass sie den Betrag überweisen würde, den der Sohn in seiner Verlegenheit genommen hatte, sobald sie zu Hause angekommen wären. Am nächsten Morgen reisten unsere Gäste eilig ab. Ich verabschiedete mich vom Bett aus. Etwas war mit meinem Kopf passiert –ein Teil der Stirn pulsierte und hämmerte, unsichtbare Finger rissen und zogen daran. Mama machte sich Sorgen, dass es Meningitis sein könnte. Der herbeigerufene Arzt hörte mich ab, beugte meine Beine, tastete, ob ich einen steifen Nacken hätte, dann stellte er die Diagnose: In der Pubertät käme das schon vor, besonders, wenn sich Frauenangelegenheiten näherten. Er verschrieb ein Medikament gegen ein großes Schmerzspektrum und riet mir, Nerventee zu trinken. Mama saß neben mir, strich über das Laken und wiederholte: „Das passiert, es geht vorbei. Wir werden Tee trinken und es wird vorbeigehen.“
Nach einer Woche war es wirklich weg. Die Kokosnuss-Sparbüchse, die Daphnids Finger angerührt hatten, fiel unvermutet aus dem Fenster, und ich habe sie nie wiedergefunden.

Wir legen den Rest des Heimwegs in einem flotten Schritt zurück, Mama beginnt sogar zu singen. „Wir gehen, wir gehen, den Berg hinauf und wieder hinunter…“
Als ich noch klein war, taten wir das oft: Ich ging, packte nach ihrer Hand, bat sie um dieses Lied und sprang im Rhythmus mit. Jetzt fühle ich mich wieder so, als hätte ich den zerknitterten Pyjama an.
Als wir den Kasten auf den Küchentisch hieven, hat die Sonne den Zenit schon überschritten. Der Deckel ist sorgfältig zugenagelt, kein einziger Splitter. Wir stochern und stechen im Sperrholz mit einem Küchenmesser herum, die Spitze bricht ab, aber der Deckel geht nicht ab. Durch fieberhaftet Drücken und Stochern mit einer Schere bricht er endlich mit einem trockenen Krachen auf. Unsere Gesichter kommen zusammen und zucken gleichzeitig zurück, ein scharfer, stechender Geruch steigt uns in die Nase.
Während Mama den Kasten mit den verrotteten Weintrauben ausspült, wische ich ordentlich den Tisch ab. Danach gehen wir ans Meer zum Baden und essen im Café Eis: Mamma mit Erdbeeren, ich mit Schokolade und Nüssen.

Nach dem Abendessen stehe ich in meinem Zimmer lange vor dem Bücherregal und kann mich nicht entscheiden, ob ich Edgar Allan Poe lesen oder es doch mit Francoise Sagan versuchen soll. Ich zucke zusammen, als Mama unbemerkt hinter mir auftaucht und anbietet, mir vorzulesen, bis ich einschlafe. Sie fängt meinen vielsagenden Blick auf, wünscht mir eine gute Nacht und schließt leise die Tür hinter sich.
Als ich es mir schon mit dem Buch im Bett bequem gemacht habe, höre ich, wie Mama im Korridor das Licht ausmacht, und erinnere mich plötzlich deutlich, wie ich sehr klein war und meine Wange an das Glas des Fensters presste und die Busse zählte, darauf wartend, dass sie von der Arbeit wiederkam. Wenn ich krank war, begann ich schon am Morgen zu zählen.
Es ist seltsam, aber ich kann mich nicht an den konkreten Moment erinnern, an dem ich aufhörte zu zählen – genauso wie ich mich später nicht klar an den Abend erinnern werde, an dem Mama die Türangeln ölt und mich nicht daran erinnert, das Licht auszumachen.
Sie erinnerte mich nie wieder.